Beckers Faust bleibt in der Tasche

Von Frank Pfauth

Die Generinnen sind zu zweit. Ich bin allein. Katrin Schmidt und Bianca Schlumberger sind duetsche Meistinnen im Tennis-Doppel. Ich bin Gelegenheitsspieler. Eigentlich darf ich keine Chance gegen die jungen Damen haben, die auf der anderen Seite des Netzes stehen. Abwarten. SChließelich sind die beiden gerade dem Grundschulalter entwachsen und wiegen allenfalls zusammen so viel wie ich.

Stetten. Matchball. Ich atme noch mal tief durch, tippe die gelben Filzkugel auf den blauen Teppichboden. Plop, plop, plop, plop. Sieht lässig aus so, habe ich bei Boris abgeschaut. Wie den kühlen Blick nach drüben, der dem Gegner sagt: nervös, ich ? Sind Katrin und Bianca aber offensichtlich auch nicht. Oder sie beherrschen den Boris-Blick besser als ich.

Das war eine Stunde zuvor noch anders, als wir uns in der Tennishalle des TC Stetten getroffen haben. Die beiden sind zurückhaltend und ein wenig still, wie es sich gehört für elf und zwölf Jahre alte Schülerinne, die einen erwachsenen Journalisten treffen. Katrin, die am Echterdinger Phillip-Matthäus-Hahn-Gymnasium die sechse Klasse besucht und für den TC Steffen spielt, nuckelt mit blassem Gesicht an ihrer Limonade. Gegenüber trinkt Bianca in zwei raschen Zügen ihre Cola aus. Die Zwölfjährige wohnt in Berghülen bei Ulm, spielt aber für den TC Blau-Weiß Vaihingen/Rohr in der Oberlige. „Weil sie dort eine weitaus bessere sportliche Perspektive hat“, sagt ihr Vater Friedrich Schlumberger. 

Rund acht Stunden pro Woche trainieren die beiden Mädchen, die Siegerpokale sammeln wie andere Briefmarken. Zuletzt haben sie sich in Dresden gemeinsam gegen das Doppel Barthel/Brown die deutsche Meisterschaf erspielt, in der Altersklasse bis zwölf Jahre. Gleich werden die beiden ein neues Kapitel in ihrer noch jungen Sportlerlaufbahn aufschlagne. Sie spielen gegen einen Amateur. Meine Matchpraxis summiert sich auf ein halbes Dutzend Spiele pro Jahr. Dafür aktualisiere ich mein Tennisfachwissen seit 34 Jahren. Als Fernsehsportler habe ich beinahe alle großen Erfolge aus der Ära Becker, Stich, Graf und Huber miterlitten. Die beiden Tennisküken waren da noch gar nicht geboren. Meine 80 Kilo Amateursportler treten an gegen eine Katrin, die eben groß genug ist, um übers Netz zu linsen. Hoffentlich wirft eine Niederlage die beiden Mädels in ihrer Entwicklung nicht zurück.

Ich nehme den ersten Aufschlag von Frollein Schlumberger entgegen. =:15. Sie zieht sie ihr Service durch, die beiden Tennis-Mädels führen mit 1:0. Vielleicht hätte ich doch darauf bestehen sollen, dass auf meiner Seite des Netzes die Linien des Einzelfeldes gelten, nicht die fürs Doppel. Aber mal sehen, wie die beiden, die meine Töchter sein könnten, mit der Wucht meines Aufschlags zurecht kommen. Wenig später steht es 0:2.

Allmählich werden die schüchternen Schülerinnen locker. Bianca nimmt sich ausgiebig Zeit, ihrer Frisur einen perfekten Sitz zu verpassen – während eines Ballwechsels. Ich ahne, wie sich die Gegnerinnen dieses Doppels fühlen. Ausserdem hilft auch noch Fortuna dem Nachwuchs mit dem Berufswunsch „Tennisprofi“. Mich dagegen ignoriert sie beharrlich. Jedenfalls landen ihre Volleys regelmäßig so nache an den Ecken des Feldes, als wäre dort ein Filzmagnet vergraben. Meine landen regelmäßig im Zentrum der Rackets von Katrin oder Bianca.

Plop, plop, plop, plop. Und mein kühler Boris-Blick. Mein erster Service landet hauchdünn im Aus, in den zweiten lege ich zu viel Effet. Der Ball bleibt an der Netzkante kleben. Damit passt der Matchball schon orderntlich zum Verlauf des Spielt, das jetzt nach zwei Sätzen schon beendet ist. In Zahlen ausgedrückt: Schmidt/Schlumberger: 6. Schmidt/Schlumberger: 6. Pfauth: 0. In Worten Null, zweimal hintereinander.

Meine Becker-Faust werde ich nachher ballen. In der Tasche. 

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